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Souveränität von Pferden lernen


Authority-Responsibility-Power (ARP) als Schlüsselmodell für Entwicklung.

Was können Pädagogen und Eltern von Pferden lernen? Wie kann ein psychologisches Modell dem Burnout entgegensteuern? Wie finden lange Leidenswege einen Wendepunkt zu positiver Entwicklung?

Katrin Starke steht vor ihren Schülern der 9. Klasse und macht wieder Unterricht. Es ist ruhig, die Jugendlichen arbeiten konzentriert an einer Übersetzung. Ab und zu unterbrochen durch einen aufmunternden Witz oder eine nachbarschaftliche Unruhe. Ein Blick der Lehrerin genügt und schnell finden die Schüler zurück zu intensivem Lernen. Wenn Frau Starke grammatikalische Regeln erklärt, tut Sie es mit ruhiger Stimme. Ihre Art der Konversation in der fremden Sprache macht den Jugendlichen Spaß und wie sie mit den Unterrichtsinhalten umgeht ist spannend.

„Es ist bereichernd mit den jungen Menschen zu arbeiten. Ich achte vor allem auf meine Beziehung zu den Schülern, das Lernen geschieht dann fast nebenbei.“

Das war nicht immer so: Vor einem Jahr wurde die 45 jährige Lehrerin wachgerüttelt, als sie ihr Arzt auf einen beginnenden Burnout hinwies. Seit Wochen erlebte sie sich geschwächt und ausgepowert und das Unterrichten machte ihr mehr und mehr Mühe. Sie mochte sich vorbereiten wie sie wollte, selten konnte Sie eine Stunde halten, ohne dass sie langwierige Diskussionen mit den Schülern zuließ, ohne dass sie mit ständigen Ermahnungen und disziplinarischen Maßnahmen beschäftigt war und sich anschließend schlecht fühlte. Nur den Bruchteil ihres Stoffes konnte sie durchbekommen, den Rest der Zeit war sie damit beschäftigt lärmende Schüler zu bändigen und Lustlose zu motivieren was ihr besonders schwer viel, weil sie sich selbst so antriebslos fühlte. Sie hatte alle pädagogischen Tricks ausprobiert, hatte Regeln erarbeitet, Strafen verhängt, war freundlich, war streng, ohne Erfolg. Es war laut, niemand konnte sich konzentrieren. Sie suchte nach Erklärungen und fand aber nur die Allgemeinplätze, dass in einer 9. Klasse zu unterrichten eben schwer sei, besonders Französisch, denn die Jugendlichen hätten von sich aus kein Interesse an der Sprache. Wie einfach dagegen seien doch naturwissenschaftliche Fächer! Die Frustration über diesen Zustand wuchs, sie fragte sich warum sie bis spät in die Nacht den Unterricht vorbereitet hatte, morgens hatte sie Sorge den Tag zu überstehen, erste Anzeichen von Migräne zeigten sich schon vor der Schule und immer wieder konnte sie ohne Schmerzmittel den Unterricht nicht durchführen. Sie stellte fest, dass sie berufliche Kontakte mied, im Lehrerzimmer hielt sie sich ungern auf sie wollte ihre Ruhe haben. Ob sie überhaupt den richtigen Beruf gewählt habe, fragte sie sich oft. Auch privat hatte sie keine Lust mehr sich mit ihren Freundinnen zu treffen, oder mal auszugehen.

Es folgten Zeiten in denen sie sich krankmelden musste, oft konnte sie nachts nicht schlafen, weil sie innerlich mit ihrem Unterricht beschäftigt war, abschalten war kaum noch möglich. Und dazu häuften sich Elterngespräche, in denen sie sich meist angegriffen fühlte, weil sie sich die Unzufriedenheit der Eltern mit der Unterrichtssituation zu Herzen nahm. Auch die Ferien brachten kaum Erholung. Nach zwei Schultagen war sie wieder an dem Punkt wie vorher.

Lehrer sind oft über lange Zeit Überforderung ausgesetzt und finden schwer einen eigenen Ansatzpunkt für Veränderung. Es braucht in der Regel viele Monate, bis Menschen sich aus diesem Zustand regenerieren. Es gibt mittlerweile Kliniken, die sich auf Burnout spezialisiert haben. Studien zeigen aber, dass in vielen Fällen auch ein langer Klinikaufenthalt die Symptome nicht verändert. Die Erfahrung zeigt, dass eine intensive Begleitung ohne berufliche Auszeit mehr bringt, da durch die Feststellung der Berufsunfähigkeit, das Gefühl versagt zu haben eine Eigendynamik entwickelt, die den Veränderungsprozess erschwert.

Frau Starke beschloss etwas zu tun. Bei der Suche nach „Burnout“ im Internet fand sie die Seite der InsProfil GbR zum Thema Coaching mit Pferden. „Was Führungskräften hilft, muss auch Lehrern helfen“ denkt sie und vereinbart einen Termin.

Souveränität im Unterricht zugunsten von Kindern und Lehrkräften ist das erklärte Ziel des Coachings. Das Selbstwertgefühl stärken, um Beziehungen lebendig und kraftvoll zu erleben. Nähe und Distanz zwischen Menschen immer wieder neu austarieren können. Den Anforderungen gerecht werden und die eigenen Bedürfnisse berücksichtigen.

Souveränität steht im Mittelpunkt des Coachings mit den Pferden. Pferde dienen den Coaches von InsProfil als Feedbackgeber. Sie zeigen durch ihre unmittelbare Reaktion wie der Klient aufgestellt ist. Deshalb steht zu Beginn eines Coachings die Begegnung mit dem Pferd. Pferde haben mit Menschen zwei wesentliche Dinge gemeinsam: 1. das Bedürfnis nach Beziehung (Bindung) und 2. das Bedürfnis nach Klarheit (Autonomie).

Um in einer Beziehung souverän zu sein, bedarf es drei Qualitäten:

1. Aufmerksamkeit, als Voraussetzung für jede Interaktion,

2. Respekt des Gegenübers, um handlungsfähig zu sein und

3. das Vertrauen, die Fähigkeit sich auf den Anderen einzulassen und eine Bindung einzugehen.

Die erste Übung am Pferd heißt „Raum einnehmen“. Erst wenn es gelingt den Raum „zu ergreifen“ und die eigene Energie so „hochzufahren“, dass das Pferd reagiert und den Menschen in seiner personalen Autorität wahrnimmt, respektiert und den Platz freigibt, wird es die Aufmerksamkeit auf den Menschen richten und ihm anschließend Vertrauen schenken, indem es ihm folgt. Positive Bindung – nicht Abhängigkeit – geschieht nur auf diesem Weg: Zuerst Respekt, dann Vertrauen. Zuerst die eigenen Qualitäten zeigen, dann sich einlassen auf den Dialog.

Führen bedeut: Freiwilliges Folgen bewirken! Es geht also darum eine Balance zu schaffen zwischen Ich-Qualitäten (wer bin ich? was kann ich? meinem Selbstkonzept) und der Fähigkeit zu „Responsibility“ (Verantwortung – Antwort geben). Dann ist eine Übereinstimmung von Innen und Außen hergestellt. Das ist gelebte Authentizität. Diesen Zustand nennt die Glücksforschung Flow. Die Neuro-Wissenschaft beschreibt, wie im Gehirn dann der „Hormon-Cocktail“ gemischt ist: Die vier Botenstoffe Dopamin als Glückshormon, Noradrenalin als Motivator, Serotonin als Stimmungsaufheller und Oxytocin als Bindungshormon kommen zur Ausschüttung.

Aaron Antonowsky nennt es in seiner Forschung zur Salutogenese das Kohärenzgefühl. (Verstehbarkeit, Handhabbarkeit, Sinnhaftigkeit. s. Kasten) Der Mensch fühlt sich im Besitz seiner vollen Kompetenz und Stärke und ist in der Lage, den Anforderungen des Lebens zu begegnen. In diesem Zustand leben Kinder ständig, wenn sie (noch) nicht mit ihrem Schamgefühl konfrontiert sind. Daran knüpft das pferdegestützte Beziehungstraining an, damit der Mensch durch die Erfahrung mit dem Pferd auf einer ganz archaischen Ebene an die Entwicklungsdimensionen Bindung und Autonomie anschließt und den Flow-Zustand erlebt.

„Ich hätte nie erwartet, dass ich mich nach zwei Stunden Arbeit mit dem Pferd so entspannt und bei mir, aber auch so lebendig fühle!“

Das Pferd reagiert als Spiegel der menschlichen Energie und Modulationsfähigkeit. Es zeigt durch seine Reaktion die Wirkung, die der Mensch zu erzeugen in der Lage ist. Es spiegelt zuverlässig Klarheit, Zielstrebigkeit und Kraft sowie auch die Fähigkeit zu entspannen.

Die Erfahrung mit dem Pferd wird ergänzt durch ein Modell, das ein System zur Verfügung stellt, um zu verstehen was vor sich geht. Das ARP - Modell (Autorität-Responsibility-Power) wurde von der Beratungsfirma Future Systems Consulting GmbH entwickelt und ist ein Radarsystem der Wirkungen im Alltag. Der ARP beschreibt vier Quadranten, die sich aus einem Koordinatensystem ergeben mit den Achsen der beiden Qualitäten personale Autorität und soziale Verantwortung.

Der 1. Quadrant heißt „Gestalten“ Hier hat der Mensch eine hohe personale Autorität und hohe Verantwortung.

Der 2. Quadrant heißt „Befehlen“. Hohe personale Autorität paart sich mit unterentwickelter sozialer Verantwortung.

Der 3. Quadrant heißt „Verweigern“. Dies entspricht der Haltung: „Du bist nicht ok. und ich bin es auch nicht. Deshalb bin ich dagegen!“

Der 4. Quadrant heißt „Sich fügen“. Die soziale Verantwortung ist hoch, Selbstwert und Selbstkonzept wird als minderwertig erlebt.

Das ARP-Modell schafft die Möglichkeit zu reflektieren, die eigenen Wirkungen zu hinterfragen und eigene Anteile zu erkennen. Der ARP ermöglicht in jeder Situation zu beurteilen wo man sich gerade im Koordinatensystem befindet.

Nur im Gestaltensbereich, im Flow, mit gut entwickelter personaler Autorität und der Fähigkeit Verantwortung zu übernehmen, ist die Waage im Ausgleich: Der Mensch ist mit sich und seiner Umwelt im Einklang und hat die Kraft wirksam zu sein. Nur aus diesem Bereich kann man zukunftsweisend positiv wirken. Mit eigener Introspektionsfähigkeit und diesem Modell im Kopf ist es möglich Situationen des täglichen Lebens in den Gestaltensbereich hinein zu verändern.

Menschen sind höflich, angepasst und versuchen Erwartungen zu entsprechen. Pferde sind eindeutig und klar!

Katrin Starke war nahe am Burnout und hat durch die Auseinandersetzung mit den Pferden gelernt, wie sie zuerst ihre Autorität einsetzen kann, um dann Bindung zu ermöglichen.

Für sie war neu, dass es zuerst um Respekt geht, dass man zuerst sich selbst zur Verfügung stellen muss, um dann als Resultat das Vertrauen geschenkt zu bekommen. Früher dachte sie, wenn sie lieb, höflich und nett sei, könne daraus eine gute Beziehung entstehen. So ging sie zuerst auch mit den Pferden in Kontakt: Vorsichtig, mal streicheln und gut zureden (um die eigene Angst zu reduzieren). Das Pferd verlor schnell das Interesse und ging seiner Wege. Frau Starke fiel es wie Schuppen von den Augen: Sicherheit, und darum geht es in guten Beziehungen, gibt es nur, wenn Klarheit herrscht. Und strukturelle Klarheit im Sinne von „ich Lehrer, du Schüler!“ reicht noch lange nicht aus. Vom Einsatz konsequenten Handelns hatte sie nur negative Vorstellungen. Und vom Nettsein entstanden keine tragfähigen Beziehungen. Das, was als persönliche Qualitäten in den Dimensionen personale Autorität (Ich-Stärke) und der Fähigkeit Verantwortung für sich und andere zu übernehmen in Erscheinung tritt, schafft die Voraussetzung für tragfähige Beziehung. Und da sind wir Menschen genau so sensibel wie die Pferde. Kinder insbesondere reagieren noch unmittelbarer als Erwachsene, weil sie noch nicht zu gut erzogen sind.

Die Erfahrung mit dem Pferd als Coach und dem ARP-Modell hinterlässt Spuren.

Die Eindrücke und Bilder sind meist so intensiv, dass Veränderungen der Persönlichkeit möglich sind. Nach Jahren erinnern sich Teilnehmer der Seminare und Caochings noch an die Bilder und Gefühle, die in Kopf und Körper abrufbar gespeichert sind. Wenn Menschen sich darauf einlassen und wirklich offen sind für Veränderung, geschehen oft kleine Wunder: die Wirkung und Wirksamkeit verändert sich so, dass da wo vorher Ohnmacht war, jetzt Gelassenheit, Freude und Begeisterung vorherrschen.

Für Frau Starke war es ein Wendepunkt. Wenn man sie fragt was sie anders macht als vorher antwortet sie: „alles und nichts“. Es ist ihre innere Haltung, die sich verändert hat. Auf ihrem Schreibtisch steht eine Postkarte mit einem Pferdemotiv, die sie immer wieder daran erinnert, denn um alte Muster zu verändern braucht es Beharrlichkeit und Ausdauer. Sie hat für sich jetzt Stellschrauben entdeckt an denen sie dreht, um Situationen zu verändern. Dass es oft anstrengend ist gibt sie zu, aber die Mühe wird reich belohnt: Zuerst Respekt durch personale Autorität, dann Vertrauen durch soziale Verantwortung.

Autor: Fridolin Stülpnagel, InsProfil

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